Das Meditieren sollte die Heiterkeit des Geistes widerspiegeln (oder erst mal entwickeln).
Eigentlich ist die Geisteshaltung beim Zazen die denkbar einfachste und natürlichste. Aber ebenso wie bei der Atmung haben wir das natürliche Geschehen(lassen) „verlernt“.
Um ein Gefühl, eine Ahnung von der Zen-Geisteshaltung zu vermitteln, möchte und muss ich wohl etwas weiter ausholen. Und obwohl Zen jedes Dogma ablehnt oder in Frage stellt, will ich zunächst einige Ansichten des Christentums und des Buddhismus voranstellen und vergleichen, aber Du kannst sie danach sofort wieder vergessen. Doch tu einfach, was Buddha empfiehlt, wenn er seinen Zuhörern sagt:
„Glaubt mir kein einziges Wort von dem was ich sage, nur weil ich Buddha, eine Autorität für Euch bin. Zweifelt es ruhig an, ABER haltet es einfach für möglich, probiert es dann aus und seht, erfahrt alles selbst!“
Die beste Anleitung finden wir zunächst im westlichen Bereich bei Christus: Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder (aber nicht kindisch!), so werdet Ihr das Himmelreich (sprich Paradies) nicht ererben! „Paradies“ ist der ursprüngliche himmlische, wunschlos-glückliche Bewusstseinszustand. (Natürlich ist demgemäß auch die „Hölle“ ist nur ein Bewusstseins-Zustand, vgl. die Geschichte mit dem Besuch des kaiserlichen Samurai bei Hakuin). Und wodurch ging er verloren? Durch den Genuss vom Baum der Erkenntnis! Wir fallen also aus unserem ursprünglich paradiesischen Seinszustand heraus durch das Primat des Denkens. Weil wir das Denken verabsolutieren anstatt es lediglich als Werkzeug zu nutzen, haben wir verlernt, spontan und ohne Wertung, ohne Vorurteil wie ein Kind zu „denken“ und zu agieren. Wir sollten also zu dem Zustand des „homo ludens“, des kreativ-spielerischen Menschen zurückfinden.
Was sagt frei zitiert Zen dazu? Wenn wir die Aussagen von Huang Po und seinen Nachfolger Lin Chi hierzu „kurz schließen“, zusammenfügen, besagen sie haargenau dasselbe:
Alles Denken ist eine irrtümliche Meinung
Wenn Gedanken sich erheben, erheben sich alle Gefühle und wenn die Gedanken schwinden, dann schwinden alle Gefühle. Und wenn die Gefühle sich erheben, dann ist die uranfängliche Klarschau dahin…
Wenn die Gedanken sich erheben, dann erheben sich alle Dinge und alle Probleme – und wenn die Gedanken schwinden, dann schwinden alle Dinge und alle Probleme…
Die verabsolutierten rational-analytischen Gedanken schaffen also die geistige Verwirrung und somit die Ego-zentrierten und Ego-verursachten Probleme.
In der absoluten Wirklichkeit existiert aber ausschließlich der EINE Geist:
Buddha und alle Wesen (und alle „Dinge“ wie Berge, Flüsse, Bäume und Steine) sind nichts anderes als der EINE Geist, neben dem nichts anderes existiert. Dieser Geist jedoch ist weder rund noch eckig, weder groß noch klein, weder gelb noch rot noch grün.
Du kannst ihn nicht anfassen und auch nicht denkerisch-gedanklich erfassen. Denn er entbehrt jeder Form, Farbe und konkreten Fassbarkeit…
Wir können uns dies wissenschaftlich-modern beispielsweise wie folgt deuten (Achtung: das ist kein Dogma, sondern eine geistige „Krücke“, um Skeptikern eine mögliche Erklärung als gedankliches „Geländer“ anzubieten!): Die uns bekannten „Phänomene“ (d. h. „Er-Schein-ungen) Materie und Energie sind scheinbar verschieden, ja völlige Gegensätze.
Aber nein, ganz im Gegenteil belehrt uns Einstein mit seiner Formel e = m c². Diese Formel bedeutet, Materie und Energie sind identisch, äquivalent, wie etwa der Dollar in den Euro umgetauscht werden kann; (Energie kann sich in Materie verwandeln und umgekehrt), aber beide haben einen übergeordneten Begriff, eben Geld, Währung.
Diese übergeordnete Realität entspricht bei Materie und Energie, welche nur zwei verschiedene Erscheinungsformen (wovon wohl?) sind, dem GEIST – und alles an „Er-Schein-ungen“ ist lediglich Ausdrucks-„Form“ dieses EINEN Geistes. Wen der Begriff Geist stört, weil er nicht religiös genug ist, der setze einfach „Gott“, Buddha oder Manitou dafür ein.
Wem das zu religiös und unwissenschaftlich ist, der setze einfach“ All-Information“ eine, welche dann im Dreieck über der Energie und Materie als Erscheinungsformen darunter an den Ecken steht.
Materie und Energie erfordern nämlich ein kybernetisch Drittes als grundlegende Matrix im naturwissenschaftlichen Weltbild: Information…
Die Umrechnung beim Übergang von einer Form in die andere (und umgekehrt) erfolgt nach der bekannten Formel e = m c², indem man Masse mit Lichtgeschwindigkeit im Quadrat multipliziert.
Demnach ergibt sehr wenig Materie enorm hohe Energie (ohne Rest von Materie!). Also vollständige Umwandlung, vollständiger Übergang in die andere „Erscheinungsform“ und umgekehrt, die „Verwandlung“ (Trans-Form-ation), Umwandlung ist also in beide Richtungen möglich.
Steht dies alles aber denn auch im Einklang mit westlich-christlichen Auffassungen? Durchaus – wenn wir Johannes, den geistigsten Jünger Jesu ernst nehmen. Am Anfang seines Evangeliums sagt er nämlich: Am Anfang war der Logos und der Logos war bei Gott.
Das griechische Logos heißt aber nicht wie üblich übersetzt (nur) Wort, sondern pyramidenförmig nach oben an Bedeutung und Qualität gewinnend vielmehr auch Satz, Absatz, Sinn, „Logik“ und letztlich GEIST… Johannes sagt also quasi wie eine Definition: Am Anfang war der Geist und der Geist war (das, was Ihr) als „Gott“ definiert.
Er will damit ausdrücken, dass es besser sei, nicht einen Gott (personal, als alten Mann mit Bart, Goldenes Kalb o. dergl.) sich vorzustellen, sondern anzuerkennen, dass es eben ein „GEIST“, der EINE Geist ist, den man weder definieren noch sich sinnlich vorstellen oder konstruieren, rational verstehen kann.
Und an anderer Stelle zitiert eben dieser geistigste Jünger Jesus: Wenn Ihr in meinem (scil. in dem EINEN) Geiste (!) bleibt, so werdet Ihr die Wahrheit erkennen (d. h. EINS mit ihr werden) und die Wahrheit (= absolute Wirklichkeit – denn nur was wahr ist, kann wirklich sein) wird Euch frei machen! – prima! Also Große Befreiung, Erleuchtung ist offenbar auch im Christentum möglich, nicht nur im Buddhismus…
Und die Aufforderung des Mahamudra und im Zen: „Wende Deinen Geist um auf sich selbst!“ setzt genau die gleiche geistige Kehrtwendung voraus wie das christliche „meta-noeite“, welches griechische Wort des Urevangeliums - fälschlich als „Buße“ übersetzt und somit katzenbucklerisch fehlgedeutet und missverstanden – tatsächlich nichts anderes bedeutet als „Denkt um – denkt ganz anders, geradezu gegensätzlich wie bisher!“ Verändert also Eure Denkweise grundlegend!
So können wir einsehen, dass wir sowohl nach christlicher Manier als auch nach Zen-Buddhistischer Methode und sogar als Atheisten oder Agnostiker davon absehen müssen, uns irgendwelche Vorstellungen von diesem All-GEIST zu machen.
Andererseits ist dieser Allgeist von genau der gleichen „Essenz“ wie unser allerinnerstes Wesen (Dein „Ur-Angesicht“ vor Deiner Geburt – und noch vor der Geburt deiner Eltern), da „Gott-gleich“ oder Buddha-Wesen, Buddha-Natur. Und daher ist dieser EINE Geist ebenso wie unser allerinnerstes Wesen jedem (!) Menschen erfahrbar – in der sog. Wesensschau (Kensho), im Idealfall im Satori, der „Erleuchtung“ und Großen Befreiung.
Somit brauchen und sollen wir bei der Meditation
Das Gefühl noch VOR dem Entstehen eines Gedankens, also ohne Bewertung, Beurteilung, Vorurteil können wir ansatzweise erleben, einüben und erfahren, wenn wir folgende Übung machen: Morgens beim Aufstehen schieben wir das Rollo hoch, treten ans Fenster, öffnen es und atmen tief die frische Morgenluft ein. Dabei „fühlen“ wir das Wetter draußen. Aber bevor wir uns klar machen und innerlich gedanklich-verbal bestätigen und formulieren „Herrliches Wetter“ oder „Sch…-Wetter“ und daran anschließend entsprechend „Ach da kann ich mich leicht und luftig anziehen“ bzw. „O Weh, da muss ich daran denken, den Regenschirm mit zu nehmen“ sollten wir einfach „wahrnehmen“, was IST. Also bitte einfach nur „wahrnehmen“, ohne sofort daran anschließend einen Gedanken, einen verbal ausformulierten Satz zu denken oder gar auszusprechen… Diese essentielle Pause, diese „Gedankenleere“ das ist Denken ohne zu Denken, Hishiryo-Bewusstsein. Mu Nen Musho – Musho To Ku = Kein Gedanke, keine (sinnliche) Vorstellung – ohne Vorstellung und ohne ein Ziel oder sonst etwas erreichen zu wollen und ständig anzupeilen. Denn: Dass es nichts zu erreichen gibt, sind keine leeren Worte, sondern (dies ist) die höchste Wahrheit!
Das heißt zu werden wie die Kinder: nicht egobezogen urteilen was „gutes“ Wetter ist; denn Dein „schlechtes“ Wetter ist etwa für den Bauern „gutes“ Wetter usw. Definitionen und Bewertungen sind immer relativ, bezogen auf unsere Erfahrung, unsere Interessen, unsere Sichtweise…
Daher begann auch der Erweckung provozierende Spruch des sechsten Patriarchen (Hui Neng) gegenüber seinem Verfolger wie folgt:
„Wenn Du nicht an Gut und Böse denkst, weder an Richtig noch an Falsch, wenn Du Dich auf überhaupt keinerlei Denk-Kategorien stützt, …was ist dann Dein ursprüngliches Gesicht vor Deiner Geburt (und noch vor der Geburt Deiner Eltern)?“
Sitze zunächst aufrecht ohne Spannung, aber auch nicht lasch. Sei achtsam, anstrengungslos und absichtslos. Erwarte nichts (oder: das Nichts!). Senke Dein rationales Denken mit dem Sitz im Kopf als reines Bewusstsein hinunter in Deinen Hara, den körperlichen Schwerpunkt, der gleichzeitig natürlich auch Deine „geistige“ Mitte darstellt. Spüre Deinen ganzen Körper, jede einzelne Körperzelle und Deine ruhig fließende Atmung. Spüre aber vor allem jene Gegend um deinen Hara – in der Größe eines Balls oder einer Orange oder als zentraler und zentrierter Punkt, 3 bis 4 Fingerbreit unterhalb Deines Nabels im Körperinneren. Dort zentriere Dich, lass Dich auf Dich selbst ein, auf Deine geistige Essenz, Dein ganz existenzielles Da-Sein – jedoch ohne jede Absicht und ohne jede Anstrengung. Sei einfach gelassen und heiter NUN DA.
Sei einfach der Zuschauer hinter aller Erfahrung. Wenn Gedanken kommen (und gehen, was extrem wahrscheinlich ist ), lass sie gehen – ohne jede Bewertung, ohne sie weiter zu spinnen oder zu hinterfragen, woher sie kommen und wie sie sich weiter entwickeln und was sie denn vielleicht bedeuten könnten… Ärgere Dich einerseits nicht über sie (das gäbe ihnen nur mehr Energie und würde sie verstärken), dass sie da sind und was sie beinhalten und suggerieren. Aber lass Dich andererseits auch nicht von ihnen weg ziehen, um sie weiter zu spinnen. Lass sie (weg) ziehen wie Wolken am Himmel, denn sonst verdunkeln sie nur das Licht der Sonne, des strahlenden Geistes. Der Geist ist von strahlender Klarheit erfüllt, deshalb wirf das Dickicht Deiner alten, toten Begriff und Konzepte fort – befrei Dich von allem! (Huang Po, vgl. zu dieser geistigen Haltung im Einzelnen vor allem die Bücher von Zensho W. Kopp in den Literaturempfehlungen).
Das meinen auch die beiden oben erwähnten Zen-Meister (Bassui und Pai Chang), wenn sie sagen:
Geist hat keine feste Stätte – und er sollte frei fließen.
Bewegt sich Dein Geist, so folge ihm nicht – und er wird sich von der Bewegung lösen. Und haftet Dein Geist (schon) an irgendetwas, so folge ihm (auch) nicht – und er wird sich von dem lösen, woran er haftet…
Stören Dich Deine rotierenden Gedanken, die Dich wie ein „Ohrwurm“, wie eine sich ständig wiederholende Schallplatte beschäftigen und „fesseln“, dann kannst Du zum Atemzählen „Zuflucht“ nehmen, wie oben erwähnt. Oder Dich auf Deine Fußsohlen „konzentrieren“, was Dich lockert. Bist Du dämmerig und müde, so kannst Du Dich auf deine Nasenspitze (oder das sog. Dritte Auge auf der Stirn zwischen den Augenbrauen) konzentrieren.
Wenn Du plötzlich und unerwartet in eine (geistige) Leere fällst, so erschrick nicht, sondern lass Dich fallen – es wird Dir schon nichts geschehen, auch wenn dieses Gefühl starke Angst erzeugt. Aber suhle Dich nicht in der Leere wie eine Sau im Schlamm, denn auch die Erfahrung der Leere kann abwegig sein und zu einer sog. Zen-Falle werden oder zu einer der Zen-„Krankheiten“ ausarten, wenn Du Dich zu sehr darin wohl fühlst und vor allem, wenn Du versuchst, sie immer wieder mit Willen und Wollen herbeizuführen. Du kannst es nicht tun, Du kannst es nur (zu-)lassen, wenn Du Dich ganz leer machst und öffnest…
Die Menschen richten ihren Geist nach außen. Die Mönche richten ihn nach innen. ABER: die wahre Lehre ist, sich in die Leere fallen zu lassen. Doch die Menschen haben Angst, sich in die(se) Leere fallen zu lassen. Warum? Weil sie nicht wissen, dass diese Leere nicht „leer“ ist…
Und zweifle ruhig bis hin zum „Großen Zweifel“. Denn Großer Zweifel – große Erleuchtung. Kleiner Zweifel – kleine Erleuchtung. Und: Kein Zweifel – keine Erleuchtung. Du brauchst kein einziges Dogma, dies wäre sogar schädlich. Du musst an nichts glauben, Glauben, Für-wahr-Halten ist keine Voraussetzung. Einzige Voraussetzung ist: Zweifle ruhig – aber halte es für möglich. Und dann praktiziere und sieh, erfahre ES….
Zwei Möglichkeiten zum Umgang mit Lauten, Geräuschen, Lärm bei der Meditation. Egal ob scheinbar angenehm oder unangenehm, störend: Nimm sie entweder einfach als „Hintergrundgeräusch“ wahr, ohne sie zu beachten. Oder aber gehe ganz tief in den Laut hinein und werde selbst zu diesem Laut. Und vor allem: nimm jedes Geräusch als ideale Gelegenheit wahr, zu bemerken, ob Du noch da bist oder (wohl eher) schon wieder mal geistig abgedriftet bist. Nimm also jedes Geräusch als willkommene Erinnerung, sofort „zurückzukehren“ und wieder aufmerksam/achtsam ganz Jetzt Hier zu sein.
Doch eine Warnung: Glaube nicht, wenn Du diese Anleitungen und Empfehlungen liest, dass es damit genug sei. Sie sind eigentlich nur als Gedächtnisstütze gedacht für Übende, welche bereits persönliche Anleitung erfahren haben oder an die hier gegebenen Praxisanregungen anschließen. Selbst die beste Anleitung dürfte nämlich ungenügend, möglicherweise sogar irreführend sein, wenn Du nicht wenigstens (!) gelegentlich ein Sesshin bei einem guten authentischen, autorisierten Zen-Lehrer oder noch besser bei einem wahren Zen-Meister besuchst, Dich dort korrigieren und leiten lässt, „auftankst“ und persönliche Unterweisung suchst.