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Geisteshaltung

Wie ist die Geisteshaltung im Zen? Diese Frage korrekt zu beantworten, würde bedeuten, dass man seinen Geist bereits gemeistert hat und somit als erwacht gelten kann. Davon bin ich aber noch weit entfernt, deswegen gebe ich nur ein paar Hinweise, vielleicht helfen sie euch weiter:

Wir Menschen identifizieren uns mit unseren Gedanken, Vorstellungen, Ideen, Wünschen etc., haben zu allem eine Meinung und ein Gefühl, angenehm oder unangenehm und sagen letzten Endes: Das bin ich, das weiß ich, das will ich oder das will ich nicht.

Genau um dieses Ich, im Zen gerne Ego genannt, dreht sich die gesamte geistige Praxis und auch das Zazen. Denn, was wir „Ich“ nennen, womit wir uns so stark identifizieren, das sind wir (in unserem wahren Sein) nicht! Es ist nur ein Gedanke oder eine Vorstellung. Es geht darum, zu unserem wahren Ich vorzudringen, jenseits allen Denkens, Meinens, Wähnens etc.

Eure Parteilichkeit für euch selbst ist die Wurzel all eurer Täuschungen.

Zen-Meister Bankei

Bodhidharma

Denken

Deswegen gehen wir während der Meditation auf Distanz zu unserem Denken und versuchen, ganz gegenwärtig zu sein. Mit dem Augenblick verschmelzen, eins zu werden, ist die Übung.

Was machen wir mit dem Geist oder unserem Ich, während wir meditieren?

Nun, die Meditationsform des Zen ist die gegenstandslose Meditation. Das bedeutet, man arbeitet nicht mit Bildern (grüne Wiese, blauer Himmel, …) oder mit Autosuggestionen (alles um mich rum wird hell …). Zen-Meditation bedeutet aber auch nicht dösen oder schlafen, sondern man lässt alles, was einem durch den Kopf geht, alle Gedanken, Vorstellungen, Wünsche, Träumereien, was es auch sei, vorüberziehen. Meditation ist kein Nachdenken, Überdenken oder überhaupt Denken, sondern nur reines Gewahrsein, Wachsein, Präsentsein …

Da aber unser Geist hin und her schwankt wie ein Kuhschwanz, brauchen wir einen Ankerplatz für den unruhigen Geist. Dies kann die Achtsamkeit, die auf den Atem gerichtet ist, sein oder die bewusste Wahrnehmung des gesamten Körpers oder auch Wahrnehmung der Meditationshandhaltung (Mudra). So bleibt der Geist gegenwärtig und schweift nicht im Da und Dort herum.

Wenn die Gefühle eintreten, ist die Weisheit ausgeschlossen.

Zen-Meister Huang-po

Schwert des Gewahrseins

Wenn wir uns dabei erwischen, dass wir doch träumen oder phantasieren, müssen wir diesen Gedankenstrom mittels unseres Schwertes des Gewahrseins (es ist ein rein geistiges Schwert) sofort abschneiden und uns gleich wieder in die Gegenwart bringen! Keine leichte Sache, und man darf diese Übung keinesfalls unterschätzen.

Von außen betrachtet sitzt man entspannt auf dem Kissen oder Bänkchen und tut nichts, aber die Übung inwendig ist äußerst anspruchsvoll, intensiv und verlangt von uns viel Disziplin und Wahrhaftigkeit. Denn man kann sich sehr leicht was vormachen, und die Ego-Illusion ist nahezu grenzenlos. Das weiß ich aus eigener Erfahrung!

Die größte Behinderung auf dem Zen-Weg ist der Intellekt mit seinem unterscheidenden, begrifflichen Denken. Deswegen heißt es im Zen: Geht es auf Gedankenpfaden nicht mehr weiter, kommt echte Belehrung zustande.

Zen-Meister Zensho W. Kopp

Häufig gestellte Fragen:

Kann man auch in der schönen Natur meditieren?

Diese Frage wird mir ganz häufig gestellt, und die Antwort lautet: Nein! Spätestens wenn die erste Mücke deinen Kopf umfliegt, ist es mit der Übung vorbei. Oder die kleine süße Ameise, die dir an deinen Beinen hochkrabbelt …

Kann ich während der Zen-Meditation Musik anmachen, z. B. Entspannungsmusik oder klassische Musik?

Auch darauf ein klares Nein! Musik lenkt ab (z. B. vom inneren Geschwätz) oder regt zum Träumen an oder macht müde, aber das reine Gewahrsein des Geistes lässt sich nur in der Stille praktizieren. Und wirkliche Stille haben wir so gut wie nie, wir hören das Flugzeug am Himmel, den Hund bellen auf der Straße, das Kindergeschrei unserer Nachbarn etc. Das ist schon genug Geräuschkulisse und gleichzeitig auch reichlich Übung. Und die besteht darin, sich davon nicht wegreißen zu lassen, sich nicht zu ärgern (lautes Geschwätz), sich nicht zu freuen (Flugzeug = Urlaub), …

Muss ich unbedingt in einer Zen-Gruppe meditieren, oder kann ich auch alleine zuhause praktizieren?

Als blutiger Anfänger kannst du gerne erste Meditationserfahrungen alleine zuhause machen. Um wirklich Fortschritte zu machen, musst du dir aber bald eine Gruppe und einen geeigneten Lehrer oder Meister suchen. Sonst hast du keine Chance, echte Zen-Meditation zu praktizieren. Danach wird dein gesamtes spirituelles Leben ein Wechselspiel zwischen deiner spirituellen Gemeinschaft und deinem privatem Leben sein, bis es sich so durchdringt, dass da kein Unterschied mehr ist. Und zu guter Letzt wird deine Meditationspraxis nicht mehr nur auf dem Kissen stattfinden, sondern dein ganzes Leben wird zur Meditation. Das Schälen einer Kartoffel genauso wie das Schreiben einer E-Mail und alles andere auch. Aber bis dahin vergehen meist Jahrzehnte der intensiven Schulung unter kompetenter Führung und eigenverantwortlicher Praxis …